
Im Leben sagt man ja oft: “Lass die Vergangenheit Vergangenheit sein und schau vorwärts, dort liegt die Zukunft.”
Wie die meisten Lebensweisheiten und Sprichwörter stimmt auch diese Aussage nur zu 50 Prozent. Natürlich müssen wir uns vorwärts orientieren und nicht täglich einen Schritt tiefer in die Vergangenheit machen, schliesslich und schlussendlich sterben wir alle – ohne Ausnahme – älter und nicht jünger.
Das ist aber – auch unter dem Aspekt des grössten Optimismus – nur die halbe Wahrheit.
Denn wir alle sind immer das Produkt unserer Vergangenheit. Und zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens wird es uns gelingen, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen – einen kompletten Neustart zu machen. Es wird uns nie gelingen, die Vergangenheit in ihrer ganzen Komplexität vergessen zu machen und uns zu irgend einem Zeitpunkt unseres Lebens mit dem Status “20 Jahre alt” oder “40 Jahre alt” auszustatten und ab diesem Zeitpunkt sozusagen vollkommen unbelastet mit einer “Null-Vergangenheit” unser Leben auf die Zukunft auszurichten.
Das Entscheidenste dabei ist, dass uns das Wesentliche fehlen würde, nämlich die Erfahrung. Ohne irgendwelche Erfahrung sind wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens orientierungs- und hilflos. Und sollten wir es “gedanklich” doch irgendwie schaffen, uns einem solchen “Neuanfangsgedanken” hinzugeben, schaffen wir uns genau die Umstände, dass wir auf den ersten Reiz vollkommen erfahrungslos hereinfallen. Was nichts anderes bedeutet, als dass wir mit einer sehr grossen Wahrscheinlichkeit eher dem “Schein” zuwenden, wie dem “Sein”, womit auch schon der Grundstein gelegt ist, dass über kurz oder lang unser neues Modell zum Scheitern verurteilt ist.
Aber eben, eigentlich sind wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens auch von der Vergangenheit geprägt und somit eine Neustrukturierung des Lebens auch immer eine Art Vergangenheitsbewältigung. Grundsätzlich ist ein Neuanfang mit dem “Status Quo” nicht möglich. Ohne die Mitnahme der Vergangenheit fehlt uns Erfahrung einen Neuanfang zu inizieren. Womit man zum alles entscheidenden Punkt eines Neuanfangs kommt:
Wie gewichte ich die Vergangenheit, wie gewichte ich die Erfahrungen, die ich gemacht habe.
Und hier kann man sehr viele Fehler machen. Vielleicht der alles entscheidende Fehler zu Beginn ist, wenn man sich in die Hände einer Person begibt, die man schon mehrere Jahre kennt und für die man in den vergangenen Jahren weder etwas empfunden hat, noch sich für irgendwelchen Gedankenaustausch interessiert hat. Dann kann es nur noch schlimmer werden, wenn diese Person vorgängig eigentlich gegen sämtliche eigenen Interessen “gearbeitet” hat. (Keine aktive Bekämpfung, aber eben anstatt Berührungspunkte eher sogar konträre Interessen). Ok, in dieser Situation ist man anfällig auf eine falsche Sichtweise, aber es darf nicht sein, dass weil man einfach sich einmal zufällig in der Migros (Coop, Landi, Volg…) am gleichen Gestell traf, daraus eine um 180° gewendete Beziehung entsteht, die in einer völligen Sichtveränderung ihren Höhepunkt erlebt.
Bleiben andere Punkte:
- Partner/Mann oder Partnerin/Frau: Es kann nicht sein, dass das Martyrium einer 15-jährigen Ehe auch in der Trennung in die Zukunft mitgetragen wird, nur weil nicht den Mut hat, darunter einen Schlussstrich zu ziehen.
- Familie: Wenn man bei einem Neuanfang die 30, 40 oder 50 – jährige Beziehung zur eigenen Familie gleich weiterführt wie bis anhin – (kein einziges Mal “Familienweihnachten”, Geldgeschenke anstatt “zuhören”, Überzüchtung der “Individualität” (sprich Egoismus; fehlender Familiensinn), Totschweigen von Familienproblemen usw.) wird man aus den alten Schemata käumlich ausbrechen können.
- Das Umfeld: Wenn man sein Umfeld komplett aufgibt, jahrelange Freunde, Bekannte usw. von einem Tag auf den anderen zu “unerwünschten Bekanntschaften” erklärt, nur um dem Leben der zuvor absolut unbedeutenden Person zu genügen, spielt man sich schlichtwegs etwas vor.
- Berufliches Umfeld: Wenn das berufliche Umfeld nachweislich der gewichtigste Faktor war, dass sich eine “Neuorientierung” aufzwang, kann man nicht neben den oben beschriebenen Punkten auch das berufliche Umfeld in die Neuorientierung mitnehmen. Auch wenn man durch die komplette Neuausrichtung auf eine (sich ebenfalls in einem labilen Zustand befindliche ) Person scheinbare Energie generiert, wird diese Energie schneller verpufft sein, wie man selbst erwartet hätte.
- Wohnsituation / Erziehungssituation usw…
Nimmt man all diese “negativen” Vergangenheitsbelastungen mit in den Neuanfang und kappt dabei eigentlich sämtliche positiven Vergangenheitserfahrungen, wird der scheinbare Neuanfang früher oder später in der Erkenntnis enden, dass man sich noch eine Stufe weiter herunter gearbeitet hat. Im schlimmsten Fall (weil dann werden vielleicht die letzten ehrlichen Freunde aus dem Leben geschaufelt sein) beginnen sich dann irre Vorstellungen im Kopf zu bilden, die man nur mit noch mehr “Selbstbetrug” überlisten kann, womit man sich in einer Spirale leider nicht nach oben oder vorne bewegt, sondern (vielleicht nicht bewusst) sogar weiter von einem Neuanfang entfernt, wie man sich vorstellen könnte.
Wie aus diesem Beispiel ersichtlich, sind wir auf jeden Fall nur das, was uns die Vergangenheit gegeben hat. Wenn wir dann falsch gewichten (oder auch in einer falschen Gewichtung geführt werden), dann ist unsere Vorwärtsstrategie eine Blase, die möglicherweise (der Zeitverlauf ist relativ) sehr schnell platzt.
Was mich – in einem ziemlich ähnlichen Fall – aber am meisten verwunderte, war, dass sowohl (Fach-)Ärzte, wie auch Psychologen eine solche Neuorientierung begleiteten, schön brav die hohle Hand machten (und noch immer machen) und dabei die “No-Goes” zwar zu Beginn diagonstizierten, dann aber ohne Intervention die Falschneuorientierung begleiten – obwohl gerade diese Personen das fachliche Wissen hätten, subtil gewisse Sachen richtig zu stellen.